Simracing als Motorsport - Was die DMSB-Entscheidung bedeutet

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    • Simracing als Motorsport - Was die DMSB-Entscheidung bedeutet

      diese Meldung Anfang Oktober hatte es mal in sich: Der Deutsche Motor Sport Bund (DMSB) erkennt das Simracing als Motorsport an. Eine Entscheidung, die polarisiert hat. Gerade ältere Motorsportfans rümpfen bei diesem Thema die Nase. In der Simracing-Szene wurde die Entscheidung natürlich begeistert aufgenommen, aber auch mit einer gewissen Unsicherheit: Was bedeutet das jetzt eigentlich konkret? Wie so oft müssen wir der anfänglichen Begeisterung erst einmal leichter Ernüchterung Platz machen: Für die unmittelbare Zukunft ändert zunächst einmal nicht viel, zumindest im ersten Halbjahr 2019 wird erst einmal alles so weiterlaufen wie bisher. Der Ankündigung des DMSB, den virtuellen Rennsport als Motorsport anzuerkennen, werden nun erst einmal Sitzungen eines neuen Simracing-Ausschusses folgen. Dessen Schaffung ist der erste Schritt des DMSB, sich des Themas Simracing anzunehmen. Das wird Zeit in Anspruch nehmen.
      Zunächst einmal vorweg - so mancher besorgter Motorsport-Fan mag sich fragen: Löst das Simracing langfristig den realen Motorsport zumindest in Teilen ab? Die beruhigende Antwort ist ein klares nein. Simracing wird als zusätzliche Disziplin geschaffen. Auch wird unter Simracing nur die realitätsnahe Simulation eingeordnet. Need for Speed und Co. laufen unter dem Begriff "Gaming". Simracing wird grundsätzlich mit Lenkrad und Pedalen betrieben, ein Rennsimulator ist optional.


      Simracer fragen sich wiederum: Was kann der DMSB dem Simracing bieten, außer womöglich mit einem Lizenzsystem für sich eine neue Einnahmequelle zu erschließen? Die Antwort darauf lautet: Organisation. Das geht los bei komplett ausgebildeten Sportkommissaren und endet bei Kontakten zu Vermarktern.
      Und Organisation hat die deutschsprachige Simracing-Szene dringend nötig. Sie besteht bislang im Großen und Ganzen aus Gleichgesinnten, die in selbst organisierten Ligen ihr Hobby ausleben, teils als eingetragener Verein. Hin und wieder gibt es gemeinsam organisierte Events (z.B. virtuelle 24-Stunden-Rennen), größtenteils kocht jedoch jeder sein eigenes Süppchen. Einige wenige Ligen fahren um ein wenig Preisgeld, doch die Summen sind überschaubar. Jedenfalls ist Deutschland weit weg von komplett durchorganisierten Simracing-Landschaften wie Finnland, wo es einen nationalen Dachverband gibt. Hinzu kommen virtuelle Rennevents von realen Rennserien, auf nationaler Ebene vor allem von der DTM, international haben mehrere Rennserien ihre offiziellen virtuellen Ableger. Die Organisation dieser Events überlassen sie allerdings auch Simracing-Spezialisten, sodass sie eher unabhängig vom realen Pendant ablaufen und als Bonus etwas Cross-Promotion durch die reale Rennserie erhalten. Und natürlich gibt es die Simracing Expo als jährlich einmaliges Leuchtturmevent am Nürburgring.
      Jene fehlende Rolle eines Dachverbands kann der DMSB in Deutschland nun einnehmen, müsste dafür allerdings die verschiedenen Vereine beziehungsweise Zusammenschlüsse unter einen Hut bringen. Wenn es gelingt, die verschiedenen Interessengruppen dazu zu bringen, dass sie im DMSB einen nationalen Vorreiter anerkennen, der die Richtung des Simracings in Zukunft bestimmen wird, wäre ein großer Schritt gemacht.
      Die zwei größten deutschen Vereine, Simracing Deutschland e.V. und Virtual Racing e.V. haben bereits dem DMSB Zusagen gemacht, bei der Implementierung des Themas helfen zu wollen und sitzen über ein Vorstandsmitglied auch im neuen DMSB-Ausschuss. Das ist ein gutes Zeichen, doch die Arbeit beginnt jetzt. Es wird sich zeigen müssen, ob diese gut durchorganisierten Vereine gewillt sind, Kompetenzen für das große Ganze abzugeben. Richtigerweise wird gleich bei der Kickoff-Sitzung am 24. November diskutiert werden, wie Vertreter aus verschiedenen Communitys in diesem Projekt eingebunden werden können.
      Als gesetzt darf man annehmen, dass der DMSB eine oder mehrere Simracing-Meisterschaften anstreben wird, analog zum realen Motorsport. Anders würde es ja keinen Sinn machen, in dieses Thema einzusteigen. Natürlich wird man auch weitere Rahmenbedingungen klären müssen, aber am Ende steht natürlich das Ziel: Wettbewerb mit DMSB-Label.
      Drei Szenarien sind theoretisch denkbar:
      a)
      Die bisherigen Vereine übertragen alle Kompetenzen an den DMSB und
      lösen sich auf. Das würde dem DMSB große Macht bescheren, wie es aktuell
      im realen Rennsport der Fall ist.
      b) Die bisherigen Vereine bleiben
      bestehen und werden weiterhin eigene Ligen anbieten. Der DMSB
      organisiert zusätzlich Meisterschaften auf professionellerem Niveau.
      c)
      Eine oder mehrere Communities verweigern sich komplett und werden
      weiterhin unabhängig vom DMSB eigene Veranstaltungen organisieren. Eine
      Konkurrenzsituation würde entstehen.
      Am wahrscheinlichsten ist vor Aufnahme der Sitzungen das Szenario b), aber momentan ist alles denkbar. Eine vierte, ebenso wie Szenario c) wenig erstrebenswerte Möglichkeit wäre noch: Der DMSB hält sich komplett im Hintergrund und stellt lediglich ein Label zur Verfügung. Die bisherige Ligenstruktur bleibt komplett erhalten, nur mit ein paar DMSB-Aufklebern. Das würde jedoch weder dem DMSB noch dem Simracing helfen.
      Sind diese Rahmenbedingungen geklärt, gilt es, eine Roadmap zu erstellen: Welche Meisterschaften (Formelsport, Tourenwagen, Rallye) werden geschaffen und welche Rennsimulationen kommen zum Einsatz? Assetto Corsa Competizione, rFactor 2 und Raceroom Racing Experience zielen alle auf ein ähnliches Publikum ab, teils mit denselben Fahrzeugen und Strecken, aber unterschiedlicher Fahrphysik. Und schließlich bleibt die ganz allgemeine Frage: Wollen wir DMSB-Rennen vom heimischen Computer aus fahren und/oder Rennevents organisieren, bei denen sich die Fahrer vor Ort treffen? Und das ist nur die Spitze des Eisbergs an Fragen, die der neue Simracing-Ausschuss klären muss.


      Mit seiner Entscheidung, das Simracing als Motorsportart anzuerkennen, hat der DMSB auch auf mutige Weise Stellung bezogen. Das Simracing ist nämlich seit seinem Bestehen in einem Spannungsfeld gefangen: Ist es nun eSport oder Motorsport? Bislang war es irgendwie beides nicht so ganz: In der Electronic Sports League (ESL), der größten eSport-Liga der Welt, hat sich das realitätsnahe Simracing nicht dauerhaft etablieren können. Nicht actionreich und schnell genug, zu bodenständig, schwer dem jungen männlichen Publikum zu vermitteln. Nun sagt also der DMSB: Das ist kein Gaming, sondern Motorsport. Für diese Entscheidung muss man Respekt zollen.
      Denn jetzt gilt es, viel Überzeugungsarbeit in zweierlei Richtungen zu leisten. Widerstand aus der Ecke etablierter Motorsportler und Motorsportfans vor allem älteren Semesters wird es geben. Das liegt in der Natur der Sache. Es gilt, diesen Leute klar zu machen, dass man nicht bloß ein paar U20-Computernerds vermarkten möchte, sondern dass es hier um ernsthaften Wettbewerb geht. Und dass der klassische Motorsport durch das Simracing keine Nachteile erfährt.
      Gleichzeitig muss der DMSB den Simracern zeigen, dass man ihnen wirklich eine professionell organisierte Heimat bieten möchte und sich nicht bloß dieses Thema auf die Fahnen schreibt, weil es derzeit irgendwie "in" ist und dann doch nichts tut außer ein bisschen Symbolik betreibt. Die Hoffnung der Simracer und der Simracing-Teams ist groß: Mit dem DMSB im Boot hoffen sie auf neue Sponsoren. Vom Simracing zu leben war bislang ein Traum. Der DMSB-Entschluss wird Hoffnungen wecken, bei denen fraglich ist, ob sie überhaupt erfüllt werden können. Auch vor diesem Hintergrund: Respekt für die Entscheidung.
      Und letztlich steht natürlich die viel zitierte Verschmelzung von Realität und Virtualität im Raum, ein Traum vieler Simracer. Wenige haben ihn sich erfüllen können, zuletzt gelang dies Tim Heinemann, einem äußerst erfolgreichen Simracer, der in der VLN und GT4-Szene aktuell Fuß fasst und sich bereits Rundenrekorde und Podiumsplätze im realen Auto hat gutschreiben lassen. Viele Simracer werden die Erwartung an den DMSB stellen, solche Schritte in Zukunft einfacher zu machen. Im Ausland feierte die Simracing-Presse bereits Deutschland angesichts der DMSB-Entscheidung als neue Führungsmacht. Ob der DMSB das alles überhaupt leisten kann, ist allerdings eine andere Frage.
      Jedenfalls lässt sich zusammenfassen: Der DMSB hat sich mit der Entscheidung, das Simracing als Motorsportart anzuerkennen, eine Menge Arbeit aufgehalst. Der Schritt ist nicht ohne Risiko, da gerade die ältere Generation sich verprellt fühlen könnte. Aber er hat auch Chancen geschaffen, die wiederum - mehr oder weniger realistische - Erwartungen geweckt haben. Davor muss man erst einmal den Hut ziehen. Die Parole kann jedenfalls jetzt nur lauten: Ran an den Speck, es gibt viel zu tun!
      undertaker Signatur
      Glaubenskriege sind Konflikte zwischen Menschen die sich streiten wer den cooleren Imaginären Freund hat...