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  • Hamilton gewinnt völlig irres Rennen!
    Sebastian Vettel und
    Valtteri Bottas sahen wie die sicheren Sieger aus, am Ende gewann aber
    Lewis Hamilton den verrückten Crash-Grand-Prix von Aserbaidschan

    (Motorsport-Total.com) - Lewis Hamilton hat den Grand Prix von Aserbaidschan in Baku gewonnen und damit die Führung in der Formel-1-WM 2018 übernommen. In einem turbulenten Rennen mit einer chaotischen Schlussphase profitierte der Mercedes-Star von einem Reifenschaden seines Teamkollegen Valtteri Bottas, der einer von mehreren Fahrern war, die schon wie der sichere Sieger ausgesehen hatten.



    Der Erste, der die Hand am Pokal hatte, war an einem verrückten Rennsonntag Sebastian Vettel. Der Ferrari-Star legte einen blitzsauberen Start hin, lag bis zu seinem Boxenstopp in Runde 30 souverän in Führung. Hamilton hatte bereits in der 22. Runde gewechselt und von Supersoft auf Soft gewechselt. Dadurch wurde Vettels Vorsprung sogar größer: von 6,9 auf 8,4 Sekunden.

    Doch Bottas, der fast zehn Sekunden hinter Vettel an zweiter Stelle lag, zögerte seinen Boxenstopp weiter hinaus - in der Hoffnung auf ein Safety-Car. Und das kam: Weil bei den "Bullen" Max Verstappen und Daniel Ricciardo die Sicherungen durchbrannten und es zur teaminternen Kollision kam, musste das Rennen tatsächlich neutralisiert werden.

    Damit war klar, dass Bottas mit frischen Reifen in Führung bleiben würde. Also kamen auch Vettel und Co. zum Boxenstopp, um für das große Finale auf frische Ultrasofts zu wechseln. Aber beim Restart war der Deutsche nicht cool genug, hatte selbst Hamilton im Windschatten, bremste die erste Kurve aber viel zu spät an, musste in den Notausgang - und fiel auf Platz vier zurück.
    Später rutschte er wegen Vibrationen vom plattgebremsten Reifen auch noch hinter Sergio Perez (Force India) zurück, der sensationell den Podestplatz erbte. Aber Vettel nimmt das Drama erstaunlich gelassen hin: "Man darf nicht vergessen, dass im Rennen auch viel Gutes drinsteckte. Es ist dann ein bisschen Lotterie. Manchmal so, manchmal so."
    Von da an hätte Bottas eigentlich nur noch abstauben müssen. Das klappte nicht, weil ein Wrackteil auf der Strecke lag, an dem er sich den rechten Hinterreifen aufschlitzte. "Das war einfach Pech", seufzt der geknickte Finne. Seinen Humor hat er nicht verloren: "Zehn Bier, dann geht's wieder! Gehört zum Rennfahren dazu. Auch wenn's momentan wirklich wehtut."

    Teamkollege Hamilton, der davor auf Kurs zu Platz zwei war, räumt ein: "Valtteri hatte den Sieg verdient, und Sebastian eigentlich auch. Es fühlt sich merkwürdig an, auf dem mittleren Treppchen zu stehen. Aber ich nehme es natürlich!" Zumal er in der Fahrer-WM jetzt vier Punkte Vorsprung auf Vettel hat.
    Die Szene des Tages war jedoch die Kollision zwischen Verstappen und Ricciardo. Die beiden ließen sich schon das ganze Rennen nicht in Ruhe. Zuerst zeigte sich Verstappen gleich am Start wenig eingeschüchtert von der Kritik an seiner aggressiven Fahrweise. Er packte die Brechstange aus und quetschte sich an Ricciardo vorbei. Der verlor als Folge davon einen weiteren Platz an Carlos Sainz.
    Der Renault-Fahrer, im ersten Stint auf den weicheren Ultrasofts, schnappte sich wenig später auch Verstappen, der sich das nur mit Batterieproblemen erklären konnte. Plötzlich hatte er Ricciardo wieder im Rückspiegel, und in Runde 12 kam es zur ersten Attacke. Verstappen blieb wieder kaltschnäuzig. Die beiden berührten sich sogar.
    Helmut Marko schaute da schon konsterniert zu, aber es sollte noch dicker kommen: In Runde 27 probierte es Ricciardo erneut, in Runde 35 noch einmal. Beim dritten Mal klappte es endlich. Aber Ricciardo muss unter dem Helm getobt haben, als er vor Verstappen zur Box kam - und wegen des "Overcuts" hinter ihm wieder raus!

    "Let's do it again", funkte sein Renningenieur. In Runde 40 dann der große Crash: Ricciardo saugte sich im Windschatten an Verstappen heran, zog vor Kurve 1 nach innen - und wieder schlug der 20-Jährige die Tür zu. Als die beiden im Notausgang austrudelten, packte Stardesigner Adrian Newey am Kommandostand fassungslos seinen Notizblock zusammen.
    Obwohl man argumentieren könnte, dass Verstappen in der Bremszone nicht mehr die Linie wechseln sollte - ein altbekanntes Thema -, hütet sich das Red-Bull-Team davor, die Schuldfrage öffentlich zu klären: "Es war ein Rennunfall. Es hat nicht der eine mehr schuld als der andere", bemüht sich Motorsportkonsulent Marko, die Wogen zu glätten.
    "Klar war da Bewegung. Aber es sind beide involviert gewesen", sagt er über Verstappens Zucken auf der Bremse. "Beide haben sich fehlverhalten, beide haben nicht mit dem nötigen Verstand und Respekt gehandelt. Ein absolut unnötiger Unfall."
    "Darüber, wer den Fehler gemacht hat, müssen wir glaube ich nicht reden", runzelt Verstappen die Stirn. Die Duelle vor dem Crash seien "hart, aber fair" gewesen. "Was danach passiert ist, ist nicht gut." Ricciardo sagt: "Für das Team ist das scheiße." Christian Horner betont: Beide müssen sich jetzt in Milton Keynes beim Team entschuldigen.



    Fotostrecke: Unfall zwischen den Red-Bull-Piloten in Baku

    Nach dem Scharmützel zwischen Max Verstappen und Daniel Ricciardo in Baku riecht es nach Stunk bei Red Bull: alle Bilder des Vorgeplänkels, des Crashs und des Nachspiels!

    Red Bull muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass man das Duell früher beruhigen hätte sollen. Aber: "Das wäre gegen unsere Philosophie. Wir haben keine Nummer 1 und keine Nummer 2, sondern wir lassen sie frei fahren", betont Marko. Ricciardo unterstreicht, er sei "dankbar" dafür, "dass wir frei fahren dürfen. Und wir wissen, dass wir manchmal ziemlich an die Grenzen gehen."
    Oder auch darüber. Doch Bernd Mayländer hatte das Feld noch nicht einmal richtig eingesammelt, da produzierte das Rennen schon den nächsten bizarren Zwischenfall: Romain Grosjean (Haas) klebte in der Mauer, weil er hinter dem Safety-Car (!) zu aggressiv zick-zack fuhr, um die Reifen auf Temperatur zu bringen. Nach der Boxenstopp-Pleite von Melbourne der nächste Schock für Haas.
    Nutznießer war einmal mehr Perez, der das Podium abstaubte. "Wenn es etwas zu holen gibt, ist Sergio immer da", lobt Robert Fernley, der Stellvertretende Teamchef von Force India. "Für mich ist er einer der am meisten unterschätzten Rennfahrer."
    Dabei hatte Perez eine Fünf-Sekunden-Strafe wegen unerlaubten DRS-Einsatzes kassiert. Das war nicht ungewöhnlich, denn das Sendesignal der FIA, das DRS automatisch freigibt, funktionierte in Baku nicht. Das heißt, dass DRS außerhalb der DRS-Sekunde nicht blockiert war, sondern manuell betätigt werden musste. Perez wurde ein Opfer davon.
    Aber seine Crew reagierte, als das Safety-Car auf die Strecke kam, geistesgegenwärtig - und saß die Strafe beim Boxenstopp während der Gelbphase ab. Völlig legal. Das tröstet im Nachhinein darüber hinweg, dass Force India Esteban Ocon gleich zu Beginn verloren hatte. Wegen einer Kollision mit Kimi Räikkönen (Ferrari).

    "Ich weiß nicht, was sich Räikkönen dabei gedacht hat. Das weiß er wahrscheinlich selbst nicht", tobt Otmar Szafnauer und schimpft den "Iceman" als "bescheuert". Ocon ärgert sich: "Was soll ich mit Kimi reden? Er redet ja nicht."
    Tatschlich lässt Räikkönen die Sache nicht an sich heran: "Er war innen und hat mich wahrscheinlich nicht gesehen." Experte Alexander Wurz sieht den Zwischenfall salomonisch: "Beide hätten es verhindern können."
    Auch Nico Hülkenberg hätte einer der Helden des Nachmittags werden können. Der Renault-Fahrer machte gleich zu Beginn fünf Positionen gut, überholte Ricciardo aus eigener Kraft, lag unmittelbar hinter Sainz auf Platz fünf. Dann aber rutschte ihm in einer Rechtskurve das Heck weg - und damit war seine Radaufhängung links hinten hinüber.
    Gleich in der ersten Runde hatte Hülkenberg eine Dreierkollision mit Sergei Sirotkin (Williams) und Fernando Alonso (McLaren) überstanden. "Ein dummer Kerl hat mir die Tür zugeschmissen. Wir waren Seite an Seite. Ich verstehe das nicht", tobte Alonso im ersten Moment. Das Replay zeigte: Nicht Sirotkin war schuld, sondern der Russe wurde von Hülkenberg und Alonso in die Zange genommen.
    Alonso kam in dem verrückten Grand Prix trotzdem als Siebter ins Ziel, unmittelbar hinter Sensationsmann Charles Leclerc (Sauber), der in Baku schon 2017 in der Formel 2 ein sensationelles Rennen gezeigt hatte. Leclerc wurde bereits in unserer Freitags-Analyse als Geheimfavorit gehandelt - und setzte dies im Rennen perfekt um.

    "Ich bin ganz aus dem Häuschen", jubelt der monegassische Rookie. "Unsere Pace war unglaublich. Wir waren nicht so schnell wie Ferrari, aber auch nicht weit weg. Ich wusste, dass ich das kann. Ich musste nur zur Stelle sein, wenn sich die Chance bietet. Und das war heute der Fall."
    Weniger gut lief's für seinen Teamkollegen Marcus Ericsson: Der Sauber-Schwede geriet in der ersten Runde mit Kevin Magnussen (Haas) aneinander und kassierte dafür eine Zehn-Sekunden-Strafe. Ericsson wurde am Ende Elfter, Magnussen 13. Dafür holte Brendon Hartley (Toro Rosso) seinen ersten WM-Punkt.
    Es war wie 2017 ein völlig verrückter Grand Prix von Aserbaidschan, mit vielen tragischen Helden und einigen glücklichen Gewinnern. Lance Stroll (Williams), im Vorjahr noch auf dem Podium, holte als Achter die ersten Williams-Zähler 2018. Und Stoffel Vandoorne (McLaren) beendete ein bis dahin verkorkstes Rennwochenende auf P9.
    In der Fahrer-WM hat Hamilton nach vier von 21 Rennen die Führung übernommen, dafür musste Mercedes die Spitze bei den Konstrukteuren an Ferrari abgeben. "Das ändert nichts an der Realität, dass wir im Moment ein bisschen hinten sind", meint Sportchef Wolff. "Aber zumindest hat Lewis seinen Melbourne-Sieg zurückbekommen."
    Quellen
      • http://www.formel1.de